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H wie Hoffnung - ADAC - Artikel

„H“ ist nicht nur das chemische Symbol für Wasserstoff, es steht auch für Hoffnung in Sachen Energiewende. Ganz vorne beim Thema dabei: die Region Rostock.

„Das Wasser ist die Kohle der Zukunft.“ Jules Verne schrieb diesen Satz 1874 – und er ist aktueller denn je. Denn Wasserstoff verheißt saubere Energie. Zwar sind die Eigenschaften des chemischen Elements schon lange bekannt, aber erst jetzt wird damit begonnen, Wasserstoff im großen Stil für Energiesysteme zu nutzen. Grund dafür: die Technik hat sich weiterentwickelt, entsprechend sinken die Kosten. Warum das Thema Wasserstoff aber gerade in Mecklenburg-Vorpommern zunehmend an Bedeutung gewinnt: An der Küste weht eine stetige Brise. Mit der lässt sich grüner Strom erzeugen, und den wiederum kann man mit Wasserstoff speichern. Kein Wunder also, dass es einige Unternehmen rund um Rostock gibt, die sich schon seit Längerem mit erneuerbaren Energien beschäftigen. So wurde bereits 1994 in Börgerende die Wind-Projekt GmbH gegründet, seit 2013 unterhält der Betrieb eine Energiespeicheranlage auf Basis von Wasserstoff. Aber abgesehen davon, dass die Bundesregierung mit Hilfe von Wasserstoff ihre ambitionierten Klimaschutzziele erreichen will und man in der Region auf Förderung vom Bund hofft – rund um Rostock tut sich auch so einiges: Die Firma emano hat am nördlichen Stadtrand von Teterow eine neue Fabrik gebaut – sie entwickelte Kunststoffbehälter, in denen sich das Gas speichern lässt. Und in Laage wird im Juni von der Teterower Apex Energy GmbH die europaweit größte netzgekoppelte Wasserstoffanlage eröffnet. „An Wasserstoff kommt heute keiner mehr vorbei – und mit grünem Wasserstoff können wir hier wirklich punkten“, so Dr. Peter Sponholz, Chief Technical Officer bei der Apex Group. Sponholz beschreibt das neue Angebot seines Unternehmens wie folgt: „Wir sind ein Fullservice-Provider für maßgeschneiderte Energielösungen jeglicher Art, haben uns auf Wasserstoff spezialisiert und bieten auf 74.000 qm ein Komplettangebot für unsere Kunden an.“ Wer sich darunter so gar nichts vorstellen kann: Zu den zukünftigen Kunden von Apex gehören Stadtwerke, Wohnungsgesellschaften oder Automobilzulieferer – also im Prinzip jeder Betrieb, der viel Strom für Menschen oder Maschinen braucht. Aber eben nicht den Strom, der aus fossilen Brennstoffen gewonnen wird, sondern CO2-neutral aus Sonnenenergie oder Windkraft. Das Problem der grünen Energie lag bisher in der mangelnden Speicherkapazität der Netze: Früher mussten Windräder sogar abgeschaltet werden, wenn es stark wehte und das Stromnetz die erzeugte Energie nicht aufnehmen konnte. In der neu gebauten Anlage in Laage werden Systeme vorgestellt und angeboten, die Windkraft in Wasserstoff umwandeln, ein Prinzip, das „Power to Gas“ genannt wird. Dazu kann das leichteste Gas der Welt in Containern gespeichert werden – und daraus lässt sich wieder bei Bedarf Strom und Wärme erzeugen. Das Ergebnis ist CO2-neutrale Energie, die man genau dann abrufen kann, wenn man sie benötigt.
Und was gibt es in Deutschland sonst nicht gibt: In Laage sind alle Techniken rund um den Wasserstoff unter einem Dach versammelt – von der Wasserstoffgewinnung durch Elektrolyse über die Brennstoffzelle bis zum Blockheizkraftwerk, das nicht nur Strom erzeugt, sondern auch Wärme. 
Aber um beim Stichwort Brennstoffzelle zu bleiben: Sie gilt eigentlich als Schlüsseltechnologie zur sauberen Mobilität. Insofern ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich auch die Apex Group für das Thema brennend interessiert: Schon seit langem kooperiert das Unternehmen mit der Stralsunder Hochschule und sponsert deren wasserstoffbetriebenen Rennwagen. Mit großem Erfolg, wie man sagen muss: Der gewann nämlich im vergangenen Jahr beim Shell Eco-marathon zum dritten Mal in Folge den Europameistertitel und brach den Weltrekord, was die Effizienz angeht: Denn bei dem Rennen geht es nicht um Geschwindigkeit, sondern um die längste Strecke mit dem geringsten Verbrauch. Trotzdem ist man vom Siegeszug der Brennstoffzellentechnik im Pkw-Bereich noch weit entfernt. Ein Grund ist der hohe Preis: So bietet zum Beispiel Toyota seit 2015 zwar den Mirai an, aber der kostet fast 80.000 Euro – und für ein Kilo Wasserstoff zahlt man fast zehn Euro. Auf der anderen Seite: Der Tank eines Brennstoffzellenfahrzeugs fasst fünf Kilo, womit man bis zu 500 Kilometer weit kommt und das Aufladen dauert nur drei bis fünf Minuten. Immerhin: Der Preis für die zweite Generation des Mirai soll nicht mehr ganz so hoch sein, wie Toyota verlauten ließ, außerdem setzen auch andere Automobilhersteller zukünftig wieder auf die Technik. BMW hat angekündigt, in zwei Jahren ein Brennstoffzellenmodell in Kleinserie zu produzieren, außerdem denkt man in Bayern darüber nach, ab 2025 in größerer Stückzahl an Kunden auszuliefern. Vielleicht ist zu diesem Zeitpunkt auch der Mangel an Tankstellen nicht mehr so eklatant: Zurzeit kommt in Deutschland eine Benzintankstelle auf knapp 6000 Menschen und nur eine Wasserstoff-Zapfsäule auf etwa eine Million Einwohner. Allerdings steigen die Zahlen kontinuierlich. Und auch in Laage steht zukünftig eine weitere Wasserstofftankstelle, die für die Versorgung von 200 Autos und mehr als 40 Bussen ausreicht. Man sieht: Es gibt also Hoffnung.

Autorin: Wiebke Brauer
Bilder: APEX Group

ADAC Artikel Nr. 2 Sommer 2020